
Man kann sich aber auch die Zeit nehmen, einem Umweg über das Stammesgebiet der Oglala Sioux zu folgen. Das kostet etwa vier Stunden und ermöglicht einen weiteren Einblick in die Geschichte des Landes, seiner Bewohner und die Konflikte, die diese Bewohner miteinander geführt haben und zum Teil immer noch führen.
Zum Literaturbestand meiner Jugend, gehöhrten unter anderem auch die Bücher Karl Mays. Das er, wie ich später erfuhr, die Indianer nie mit eigenen Augen gesehen hat, tat meiner Faszination gegenüber der Lebensart und Selbstverständnisses dieses Volkes keinen Abbruch. Und wenn ich bereits den Custer Hügel als einen realen Ort indianischer Geschichte links liegen gelassen habe, möchte ich wenigstens das Massengrab auf einem staubigen Hügel besuchen, in dem der Weg eines Mannes endete, der mit dem Wunsch, sein Herz an der Biegung des Flusses zu beerdigen zwar die Herzen vieler berührt und doch von so wenigen im Sinne seiner Worte verstanden wird.

Dass sie ihre Verbindung zu diesem Einklang verbunden haben, mag an dem Deal liegen, den der gegenwärtige Präsident der USA sicherlich als einen sehr, sehr guten Deal bezeichnen würde. Gibt er der einen Seite doch so gut wie alles, während die andere Seite so gut wie nichts dafür bekommt.
Im Fall der Sioux, die damals die Black Hills als Land ihres Stammes bevölkerten, bedeutete das, dass sie die Black Hills zu verlassen hatten und dafür in den Sandkasten daneben umsiedeln mussten. Als Gegenleistung sollte es dann bis ans Ende verdorbenes Pökelfleisch und Wanzen verseuchte Decken geben.

Unter Touristen hat es sich herumgesprochen, dass es auf dem Stammesgebiet der Sioux nicht sonderlich viel zu sehen gibt und so verirren sich auch nur selten welche in diese Gegend. Den ersten Sioux wird man also in den Straßen von Rapid City begegnen und dabei zur Kenntnis nehmen, das es den meisten schwer fällt die Richtung ihres Weges zu halten. Im günstigsten Fall wird man feststellen, dass einige Betrunken oder zumindest angetrunken sind. Im ungünstigsten Fall wird man von dem einen oder anderen angepöbelt, wobei sich einem die Motivation des Pöbelns nicht immer erschließt. Obwohl es wohl immer noch darum geht, das die Weißen alles und die Indianer nichts haben.

Der Abzweig zu dem Ort, an dem das Wounded Knee Massaker verübt wurde, ist mit einem knappen Hinweis versehen. Will man die Stätte selber nicht verpassen, heißt es aufmerksam sein. Statt an einer Flussbiegung, liegt sie an einer Straßengabelung und ist nichts weiter als ein Stück Brachland am Rande der Straße.
Von all dem, was das Custer Schlachtfeld ausmacht, ist hier nichts zu finden. Auf der anderen Seite der Straße steigt das Gelände zu dem Hügel an, auf dessen Kuppe ein kleines, gemauertes Tor das Massengrab der Opfer des Massakers markiert.
An diesem Ort, wurden also am 29. Dezember 1890 300 Sioux von der Armee der Vereinigten Staaten niedergemacht. Unter den Opfern sollen sich etwa 100 Krieger befunden haben, der Rest waren Frauen, Kinder und Alte. Und so traurig wie die Tat selbst, präsentiert sich nun auch der Ort, an dem sie verübt wurde.
Als ich mich auf den Weg zum Tor auf dem Hügel mache, kommt mir auf halber Strecke ein junger Mann entgegen, der mir die Hand zum Gruße reicht. Er nennt mir seinen Namen, den ich aber nicht verstehe. Der Druck seiner Hand fühlt sich mehrwürdig an und während er wissen möchte, woher ich komme, stelle ich fest, dass die Farbe seiner Haut tatsächlich ins Rötliche geht.
Mit Deutschland weiß er offensichtlich wenig anzufangen und so will er wissen, wie weit ich reisen musste, um an diesen Ort zu gelangen. Ich beschränke mich auf die Angabe der Flugzeit von Deutschland in die USA. Das reicht Ihm wohl um ein Gefühl für die Entfernung zu bekommen und ohne weitere Fragen zu stellen, beginnt er von dem Ort zu erzählen, an dem wir uns gegenüber stehen.

Ich weiß nicht genau, an welcher Stelle seiner gedanklichen Sprünge ich den Faden verloren habe, doch plötzlich ist er mit seinen Erzählungen beim FBI und bei irgendeiner Sache um ein nacktes Mädchen, die aber überhaupt nicht so gewesen sein soll, wie es die meisten annehmen. Und dann ist er wieder bei der Geschichte dieses Ortes und erzählt, das die Mitglieder des Stammes versucht haben aus dem Ort etwas zu machen, die Sache dann aber bereits am Streit um die Spendenbox wieder gescheitert sei und hält mir erneut seine Brille hin. Ich möchte sie immer noch nicht aufsetzen und lese in seinen Augen so etwas wie den tiefen Wunsch nach Veränderung, wie auch immer diese aussehen mag. Raus aus dem Staub, raus aus der Geschichte und möglicherweise ein neues Leben an einem anderen Ort.

Auf dem Weg nach Sioux Falls muss ich kurz anhalten, weil die Straße wegen Bauarbeiten nur einseitig befahrbar ist. Während ich darauf warte, das der Verkehr für meine Spur freigegeben wird, klopft die Frau, die den Verkehrsfluss regelt an meine Seitenscheibe, zieht so etwas wie eine 3D Brille aus der Tasche. Wie es mir geht, will sie wissen und ob ich ihre Brille benutzen möchte.
