Aus Leidenschaft zum Vergaser

Text/Fotos: Gasolin Alley Garage / Studio Steve
Vergaser Manufaktur – Vergaserpflege im Ultraschallbad“, unter dieser Überschrift erschien in der  Custombike Septemberausgabe 2014 ein Technikbeitrag, der sich mit der Überholung von Vergasern beschäftigte. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht abzusehen, dass sich der Protagonist des Beitrags innerhalb von nur zwei Jahren zu einem weltweit gefragten Spezialisten für knifflige Fragen rund um den Vergaser entwickeln sollte. Doch bevor hier der Eindruck entsteht, Thorsten Ihlo habe diesen Entwicklungsschritt mit seiner Vergaser Manufaktur tatsächlich über diesen kurzen Zeitraum vollzogen, sei darauf hingewiesen, dass er sich bereits seit 1994 intensiv mit der Technik alter Fahrzeuge, bevorzugt der Marken VW und Harley Davidson beschäftigt und sich mit seinem Erfolg auf eben diese, über einen sehr langen Zeitraum erworbenen Fähigkeiten beruft.

Nun werden einige sagen, dass sie sich ebenfalls mit den Vergasern ihrer Maschinen sehr gut auskennen und seit einer der bekannten Markendiscounter in regelmäßigen Abständen Ultraschallgeräte für ein paar Eurofünfzig auf den Markt wirft, sieht man möglicherweise in den Wartungsarbeiten Arbeit an einem Vergaser keine große Herausforderung mehr. Dass dies jedoch nicht überall so gesehen wird, belegt die an Länge beständig zunehmende Liste namhafter Kunden und auch wenn es nicht nur Thorsten bescheidene Art, sondern auch seine Firmenphilosophie verbietet, mit den Namen seiner Kunden in der Öffentlichkeit zu protzen, sei doch gesagt, dass er mit seinen Arbeiten in den vergangenen zwei Jahren auf so ziemlich jeder, der zur Zeit extrem angesagten Veranstaltung vertreten war. Seine Vergaser waren auf der Born Free Show in den USA, der Wave and Wheels in Frankreich, der Art and Wheels in der Schweiz, der Kustom Kulture Forever und im Rahmen unserer eigenen Custombike Show in Deutschland zu finden. Auf allen Veranstaltungen wurden Bikes präsentiert, die mit Vergasern aus der Vergaser Manufaktur bestückt waren und damit einen kleinen aber feinen Beitrag zum Wettbewerbserfolg dieser Bikes leisteten.
Da es sich bei den, im Rahmen der genannten Shows gezeigten Fahrzeugen in der Regel um Umbauten auf Harley-Davidson Basis handelt, liegt die Vermutung nahe, man habe sich bei der Vergaser Manufaktur vor allem auf Vergaser für amerikanische Motoren spezialisiert und so überrascht Thorsten mit dem Hinweis, dass die Arbeit an diesen sehr speziellen Vergasern im Augenblick lediglich etwas 5% seiner Arbeitszeit ausmacht. Obwohl er den Spaßfaktor geniest, der ihm die Lösung kniffliger Abstimmungsfragen hochpreisiger Custombikes bereitet, betrachtet er diese eher als einen der positiven Nebeneffekte seines Arbeitsalltags, der vor allem durch den Kontakt zu Kunden geprägt wird, die sich mit ganz normalen, sprich alltäglichen Vergaserfragen herumschlagen und Thorstens Rat und Unterstützung suchen. Dabei spielt es keine Rolle ob der der Vergaser seinen Dienst in einem zwei- oder vierrädrigen Fahrzeug leistet oder es sich um ein besonders seltenes Exemplar oder einen 08/15 Vergaser handelt.    
Es macht also durchaus Sinn, noch einmal einen Blick auf den Kopf der Vergaser Manufaktur und die in dieser Manufaktur gefertigte Handwerkskunst zu werfen. Und weil es in unserem Magazin in erster Linie um Bikes geht, haben wir Thorsten gebeten uns doch einfach mal seine eigene Maschine vor die Linse zu rollen, um  am fahrenden  Beispiel zu erklären, was für ihn den besonderen Reiz an der Bearbeitung eines Vergasers ausmacht.
Bei der Betrachtung eines Custombikes wird man abseits aller optischen Elemente schnell zu dem Schluss kommen, dass der Motor das Herz des Ganzen darstellt. Dies gilt ganz besonders für die im Augenblick stark gefragten alten Maschinen, bei denen die sichtbare Funktion der Technik wieder viel deutlicher im Vordergrund steht. Dass die Funktionsfähigkeit dieser Motoren jedoch von Beginn an von einem einwandfrei funktionierenden Beatmungsgerät abhängt, erschließt sich oft erst auf dem zweiten Blick.
Egal wie perfekt ein solcher Motor konstruiert sein mag, ohne einen ebenso perfekt abgestimmt arbeitenden Vergaser ist er nichts. Wenn also der Motor als das Herz einer Maschine betrachtet werden kann, dann stellt der Vergaser in Thorstens Verständnis die Seele des Ganzen dar. Doch wer sich bereit eingehender mit dem Wesen einer Seele beschäftigt hat, wird wissen, dass diese gerne Anforderungen stellt, die sich oft nur über ein sensibles Einfühlungsvermögen ergründen lassen. In genau diesem Einfühlungsvermögen oder besser in der beständigen Weiterentwicklung dieses Vermögens, sieht Thorsten den Wert, die Herausforderung und am Ende auch die Erfüllung seines Tätigkeitsfeldes.
Seine eigene Maschine, ein auf ca. 1400 ccm modifizierter Late Shovelhead Motor im 1952 Wishbone Starrahmen stellt ein gutes Beispiel für diese Einstellung dar. Es in irgend einer Form als ein Aushängeschild seiner Manufaktur zu bezeichnen, käme Thorsten allerding nicht in den Sinn und auch das sie in ihrer klaren, klassischen Formensprache für die Leser eines Custombike Magazins von Interesse sein könnte, kann er sich kaum vorstellen. Sie ist ein Teil von ihm, ein vertrauter Gefährte, der ihn schon seit vielen Jahren durch sein Leben begleitet und ihm die Möglichkeit bietet, auf einer mit ihr unternommenen Ausfahrt in kürzester Zeit den Kopf frei zu bekommen.
Von 2004 bis 2005 mit viel Herzblut und Liebe zum Detail im klassischen Stil aufgebaut, präsentiert sich die Maschine als ein Spiegelbild der in den Räumen der Manufaktur gepflegten Arbeitsphilosophie. Immer ein Höchstmaß an Perfektion im Blick und doch in allen Bereichen unaufdringlich. Was dies genau bedeutet, erklärt Torsten mit wenigen Worten und bringt dabei gleichzeitigt den so oft angestrebten Biker Spirit auf den Punkt.
In den Jahren in denen er mit dem Aufbau dieser Maschine begann, hatte er das Glück in einer traditionellen Lehrer/Schüler Beziehung zu stehen. Das bedeutet, dass es für ihn jemanden gab, den er in den für ihn wichtigen Entwicklungsschritten als seinen Mentor betrachtete und der ihn auf der theoretischen Ebene auf die für ihn heute wesentlichen Bestandteile des Bikebaus hinwies, ohne ihn auf der praktischen Ebene zu bevormunden und ihm so die Möglichkeit bot, sein theoretisches Wissen mit seinen praktischen Erfahrungen in einen positiven Abgleich zu stellen.
Während die, bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt anhaltende Custombike Bewegung zur Jahrtausendwende an Fahrt aufnahm und die überwiegende Zahl der in dieser Zeit aufgebauten Maschinen bereits sehr stark in Richtung Optik auf die Räder gestellt wurden, bemühte sich Thorsten etwas über Materialen, Toleranzen und die innerhalb dieser Toleranzen anfallenden Berechnungen zu lernen und entwickelte dabei eine Einstellung, nach der die Form bzw. das Material der Funktion zu folgen hat und nicht umgekehrt.
Um sich seine Maschine frei jeder bereits bestehenden Vorgabe auf die Räder stellen zu können, griff er nicht auf eine alte, bereits bestehende Basis zurück, sondern stellte sich die einzelnen Teile seines Projektes entsprechend seiner Vorstellungen und Bedürfnisse zusammen. Dass dabei wie selbstverständlich etwas entstand, das in dieser Form durchaus bereits in den 50ger bis 70ger Jahren den Asphalt unter die Räder genommen haben könnte, sieht Torsten nicht als einen Widerspruch gegenüber seiner Idee. Denn über die Möglichkeit jedes einzelne Teil von Hand zu bearbeiten und wenn nötig durch haltbarere Materialien der Gegenwart zu ersetzen, entstand ein Fahrzeug, das die Optik und damit auch den Geist der Vergangenheit in die Gegenwart überträgt und hier vor allem über seine technische Funktionalität und eine mit dieser Funktionalität verbundene mechanische Sachlichkeit zu Punkten weiß.
Wie man den technischen Daten entnehmen kann wurde der Motor mit feinsten Innereien bestückt um seinen Kraft zuverlässig an das Hinterrad weitergeben zu können. Zur Herstellung der erforderlichen Halter und Gestänge, griff Thorsten konsequent zum Edelstahl als Basismaterial, das mit einem hohen Anspruch an seine handwerkliche Verarbeitung und einer seidenmatt gebürsteten Oberfläche zum Einsatz gebracht wurde. Das absolute Highlight der Maschine stellt jedoch der Einsatz eines, speziell für den Einsatz an Shovelhead Motoren hergestellte SUDCO NOS Vergaserkits dar.
Im Original ein extrem seltenes und entsprechend gesuchtes Vergaser Kit, auf Basis zweier MIKUNI VM 29 Vergaser. Da diese Basisvergaser auf dem Markt in großer Zahl verfügbar sind, tauchen immer wieder zusammengewürfelte Kits auf, die zwar als SUDCO Kit angeboten werden, jedoch nicht von SUDCO kommen. Entsprechend begeistert zeigte sich Thorsten als sich ihm vor einigen Jahren die Möglichkeit bot, sich einen SUDCO Kit im originalen Zustand und Verpackung zu sichern. Es versteht sich von selbst, das man sich ein solches Kit nicht einfach an den Motor schraubt und dann davon ausgehen kann, das beides auf anhiebt miteinander harmonisiert. Noch bevor sich Thorsten Gedanken über die Abstimmung machen konnte, wollte das Problem des nicht unerheblichen Gewichts des Kits gelöst werden. Denn althergebrachten Halterungen stand er eher kritisch gegenüber und konstruierte sich lieber seine eigene Halterung aus Edelstahl, die das Kit nun über drei mit Bedacht gewählte Haltepunkte sicher abstützt.
Die anschließende Feinabstimmung des Kits sollte drei volle Arbeitstage in Anspruch nehmen, bis alle Komponenten technisch einwandfrei und damit zu Thorstens Zufriedenheit arbeiteten. Am Ende konnte Thorsten nicht mehr sagen wie oft er in diesen drei Tagen das Kit an und wieder abgeschraubt hat, um Düsen zu tauschen, Passungen zu überprüfen und die Abstimmung zu perfektionieren. Mit dem obligatorischen Griff zur Sonnenbrille und dem Start zu einer ausgiebigen Fahrt in das Hamburger Umland, signalisierte Thorsten seinem Umfeld danach seine tief empfundene Zufriedenheit.            
Natürlich gäbe es noch viel über Thorstens Arbeit mit Vergasern und die Ruhe und Ausgeglichenheit, mit der ihn diese Arbeit inzwischen erfüllt zu berichten, doch das ist dann vielleicht der Stoff für eine andere Geschichte. Uns bleibt in dieser Stelle lediglich die Frage, welchen Tipp Thorsten für einen Szeneneuling hat, der nun mit dem Gedanken spielt, sich ebenfalls einen dieser extrem Coolen aber leider oft auch extrem schwierigen Vergaser ans Bike zu schrauben.
„Seit über 100 Jahren kicken sich auch gestandene Biker immer mal wieder eine Klinke ans Bein. Jeder von ihnen wird das kennen und gerade weil sie es kennen, wird es sie kaum nervös machen. Das sich ein kompliziertes Motor/Vergaser Setting dem Start verweigert, kann jeder Zeit passieren und es wird früher oder später jedem passieren, der ein solches Setting fährt. Dies prägt eine Haltung gegenüber dem Zusammenspiel der Technik, die dem jungen Fahrer und angehenden Schrauber mit auf den Weg gegeben werden sollte, weil sie ganz einfach dazu gehört und bei der Wahl einer alten Maschine eben nicht immer alles ohne Probleme funktionieren wird. Cool ist, wer die Bereitschaft in sich trägt, das Unperfekte alter Landmaschinentechnik mit all seinen Sinnen zu erleben und den, dieser Technik innewohnenden Mangel bewusst als Teil des Ganzen zu sehen und anzunehmen. Da es heute scheinbar immer schwerer fällt den Mangel als festen Bestandteil alter Technik anzunehmen, sollte man sich einen besonders schönen und oft auch komplizierten Vergaser zunächst einmal ins Regal legen und sein Bike die ersten Jahre mit einem normalen Vergaser fahren, um sich zunächst mit dem Motor und dem Zusammenspiel der Technik vertraut zu machen und Erfahrungen zu sammeln. Der Rest sollte sich dann im Laufe der Zeit wie von selbst ergeben!“